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Marco Monetha

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Ungebremst 

 

    Berlin

 

   Zurück im LKW öffnet Asad seinen Rucksack und entnimmt den rosafarbenen Ausweis. Er besieht ihn einen Moment, dann wirft er ihn achtlos auf den Fußboden.

   Er nimmt das Smartphone aus dem Rucksack, das ihm Amir in der Moschee zugesteckt hat und scrollt durch das Telefonverzeichnis. Vierzehn verschiedene Nummern zeigt das Display an. Von zweien weiß er, wem sie gehörten. Die anderen sind ihm unbekannt, aber das hat nichts zu sagen. Es stehen auch keine Namen dabei, sondern nur irreführende Zahlen und Buchstaben, für den Fall, dass das Telefon in die falschen Hände gerät. Er ist stolz darauf, dass seine Brüder so weitsichtig sind.

   Asad schießt ein Foto von sich im Innenraum des LKWs und schickt es mit einem aussagekräftigen Satz an eine der ihm bekannten Nummern, mit den Worten: Mein Bruder, alles ist in Ordnung … Ich bin jetzt im Auto. Hast du mich verstanden? Bete für mich, Bruder, bete für mich!

   Dann schreibt er ein etwas längeres Statement und verschickt es an die restlichen dreizehn gelisteten Telefonnummern. Sie sollen wissen, dass er auf dem Weg ist. Sein anderes Handy befindet sich noch in seiner Hosentasche. Er kontrolliert den Batteriestatus, verschickt an die Nummern eine ähnliche Sammelnachricht und schiebt es sich zufrieden in die Jackeninnentasche. Eine weitere gelbe Pille findet den Weg in seinen Mund. Gegen die Aufregung und um wach und aufmerksam zu sein.

   Schließlich lässt er den Blick durch die Kabine schweifen, schaut auf Wojtek und sagt laut zu dem toten Mann: »Es wird Zeit.« Er erhebt sich aus dem Fahrersitz und zieht die Vorhänge von den Fenstern zurück. Weil er sich weit über den Toten hinüberbeugen muss, um das Beifahrerfenster frei zu machen, wird sein Hosenbein von dem Blut des Ungläubigen beschmutzt. Asad flucht laut, als er es bemerkt und sich in den Sitz zurückfallen lässt.

   Er steckt den Schlüssel in das Zündschloss, dreht ihn und wartet, bis der Motor laut anspringt. Er lässt ihn zwei Minuten laufen, löst die Feststellbremse im Armaturenbrett und betätigt den Lichtschalter. Ein lautes Zischen sagt ihm, dass die Bremsen gelöst sind. Er legt sich den Sicherheitsgurt an.

   Dann stellt er die Automatik auf Drive, behält jedoch den Fuß auf der Bremse. Asad spürt die Vibration des mächtigen Gefährts in jeder Nervenfaser seines Körpers. Es fühlt sich an, als rase sein Herz im Takt der röhrenden Zylinder. Schweiß tritt auf seine Stirn.

   Er kramt den Routenplan aus seiner Jacke hervor, besieht ihn einen Moment im spärlichen Kabinenlicht, nickt, dann knüllt er das Papier zusammen und steckt es wieder ein. Er kennt die Umgebung recht gut. Er kennt Berlin gut. Er weiß genau, wie er zum Ziel gelangt, musste sich nur kurz vergewissern. Fünf bis sechs Kilometer Fahrt. Vielleicht zehn bis fünfzehn Minuten bei normaler Verkehrslage.

   Das bedeutet für ihn, eine Viertelstunde lang Gefühlschaos. Angst? Nein. Das nicht. Aber Erhabenheit. Vorfreude. Und Ungeduld. Das sind jetzt seine Begleiter, Beifahrer sozusagen.

   Asad nimmt den Fuß von der Bremse.

   Er drückt langsam das Gaspedal herunter.

   Das Ungetüm gehorcht seinen Befehlen und röhrt laut auf. Es rollt los.

   Erst ganz langsam.

   Dann wird es schneller.

 

*

 

Vincent Goldschwer schaut auf seine modische Armbanduhr. Fast zwanzig Uhr. Der siebenunddreißigjährige Polizeibeamte tritt unruhig von einem Fuß auf den anderen, fährt sich vor Aufregung mit der behandschuhten Hand durch sein weizenblondes, kurzgeschnittenes Haar. Er ist verabredet. Mit Maja. Das erste Date, seit er seine Ehefrau vor sechs Jahren verloren hat.

   Er fühlt sich wie ein verliebter Schuljunge. Eine Stunde lang rannte er durch seine Wohnung, probierte verschiedene Hosen an, wechselte von Pullover auf Hemd und dann wieder zurück zum Pullover. Seine - eigentlich recht pflegeleichte - Kurzhaarfrisur zu stylen hatte gut zwanzig Minuten in Anspruch genommen.

   Seine dreizehnjährige Tochter Mia hatte ihn amüsiert vom Sofa aus beobachtet, wie er plan- und kopflos von einem Zimmer ins nächste rannte. Sie fand es laut eigener Aussage toll, dass ihr Vater sich endlich mit jemandem traf, wenn auch das Andenken an die verstorbene Ehefrau und Mutter noch immer sehr präsent bei ihnen beiden war. Aber vielleicht ist es gerade deshalb so wichtig, dass er mal wieder unter die Leute kommt.

   Ein dahinschlenderndes Pärchen rempelt ihn an und reißt ihn aus seinen Gedanken. Der Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz ist gut besucht. Es herrscht eine fröhliche, ausgelassene Stimmung. Auch ohne den Schnee, den alle immer zur Adventszeit so sehr herbeisehnen. Weihnachtslieder schmettern aus den Lautsprechern, Essensgerüche wehen ihm um die Nase. Fast jeder ist am Lächeln.

   Die Frau entschuldigt sich bei ihm für den Rempler. »Schon gut«, winkt Vincent lachend ab und schaut sich weiter um.

   Wo bleibt sie nur?, fragt er sich. Hat sie es sich vielleicht anders überlegt? Wird er gerade versetzt? War ein Treffen auf dem Weihnachtsmarkt für ein erstes Date vielleicht doch nicht das Richtige? Oder liegt es vielleicht sogar an ihm? Die Unsicherheit macht ihn ganz nervös. Er kramt sein Smartphone hervor. Zwanzig Uhr eins. Keine Nachrichten. Weder im Messenger, noch bei WhatsApp.  

   Er steckt es zurück in den Mantel und hebt den Kopf, um nach Maja Ausschau zu halten.

   Bis viertel nach acht warte ich, entschließt er sich in Gedanken. Doch dann braucht er nicht weiter über seinen Abgang nachzudenken, denn er erblickt plötzlich ihr rot wallendes Haar in etwa zwanzig Meter Entfernung. Es sticht aus der bemützten Masse heraus wie ein funkelndes Juwel. Sein Herz macht einen Freudensprung, als er sie näher kommen sieht. Auch sie erblickt ihn, winkt und lächelt über beide Wangen.

   Er sieht sie beinahe jeden Tag. Auf dem Weg zur Arbeit kauft er sich immer belegte Brötchen beim Bäcker in seiner Straße. Maja arbeitet dort als Verkäuferin. Seit fast zwei Jahren ist sie seine bevorzugte Verkäuferin und sie ist ihm gleich an ihrem ersten Arbeitstag aufgefallen. Er hatte damals natürlich noch keine Absichten ihr gegenüber gehabt, denn die Wunde, die seine verstorbene Frau in ihm hinterlassen hatte, war noch nicht verheilt. Aber sie fiel ihm auf. Ihre liebevolle Art. Ihre Schönheit.

   Es dauerte beinahe zwei Jahre, bis er sich endlich überwand, mit ihr auf persönlicher Ebene zu sprechen. Auslöser war ihre Abwesenheit in der Bäckerei am letzten Montag. Er wusste, dass sie hätte da sein müssen und hatte sich wie jeden Morgen auf sie gefreut. Aber sie war nicht da. Maja sei krank, hatte ihre Kollegin Iris ihm auf Nachfrage erzählt. Er war enttäuscht. Und da merkte er erst richtig, dass sie mittlerweile einen besonderen Stellenwert in seinem Leben eingenommen hat.

   Ende letzter Woche hatte er sich dann ein Herz gefasst und sie nervös stammelnd gefragt, ob sie sich vielleicht einmal treffen könnten. Zum Essen. Oder auf einen Cocktail. Völlig zwanglos. Zu seiner Freude sagte sie zu und sie entschieden sich für den Weihnachtsmarkt.

   Er kann es immer noch nicht glauben, dass diese atemberaubende Frau jetzt auf ihn zukommt, dass sie den Abend mit ihm verbringen will.

   Vincent versucht sich an ein paar Leuten vorbeizudrängen, um ihr entgegenzugehen, wird aber durch eine mit blinkenden Nikolausmützen ausgestattete Frauengruppe aufgehalten. Auch Maja kommt nicht vorwärts, da ein paar junge Männer ihren Weg kreuzen.

   Sie sehen sich an, Maja verdreht amüsiert die Augen nach oben und bläst ihre Wangen auf. Vincent lacht, hebt resigniert seine Hände. Fünfzehn Meter entfernt vom Glück und kein Durchkommen, denkt er amüsiert.

   Plötzlich entgleiten ihm seine Gesichtszüge. Sein Herzschlag setzt aus, seine Beine werden weich. Fragend schaut Maja ihn an, aber er starrt an ihr vorbei, auf etwas, das sich hinter ihrem Rücken abspielt. Etwas, das nicht in diese heitere Welt passen will.

   Ein Ruck geht durch Vincents Körper, wie ein elektrischer Schlag. Er schreit auf, drängt Menschen beiseite und winkt verzweifelt mit den Armen. Er sieht zu Maja, sieht die Verständnislosigkeit in ihren Augen, hebt wieder seinen Blick und sieht das dunkle Ungetüm, das so seltsam fehl am Platze wirkt, schnell näherkommen. Direkt auf sie zu.

   Jetzt erst hört er auch das dröhnende Motorengeräusch der Zugmaschine, begleitet wird es von lauten Schreien und heftig scheppernden Geräuschen. Nichts kann das Geschoss stoppen, unaufhaltsam bahnt es sich seinen Weg durch Holzbuden, Mülleimer, Tischreihen und …

   … Menschen.

   Vincent spürt es instinktiv, bevor er es denkt: Ihm selbst bleiben vielleicht zwei Sekunden.

   Maja nicht einmal eine...

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Marco Monetha, Heidestr. 13, 27619 Bramel, Juli 2016