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Marco Monetha

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Leseprobe "ERIC"

 

1

 

 

Gegenwart

 

»Und Sie kommen wirklich zurecht, Herr Harmann?«, fragt der Polizist teilnahmsvoll und reicht mir mit besorgter Miene seine Hand. Er klingt betroffen und ehrlich. Ich ergreife sie und antworte: »Ich denke schon, danke.«

»Wie Sie meinen.« Der Polizist setzt seine Mütze auf, schaut hinüber zu seinem Kollegen, der bereits am Streifenwagen wartet, und macht Anstalten zu gehen. »Noch einmal mein herzliches Beileid. Wenn Ihnen noch irgendetwas einfällt oder Sie jemanden zum Reden brauchen, melden Sie sich einfach.«

Ich nicke schwach und hebe die Hand zum Abschied, während der Beamte sich von mir abwendet und zu dem Streifenwagen geht. Endlich schließe ich die Tür und lehne mich erschöpft dagegen. Es ist Mitternacht durch, und der Tag hat es ganz schön in sich gehabt.

Trotz der Erschöpfung brodelt es in mir, und ich wünschte, dass ich irgendwie Dampf ablassen könnte. Aber ich reiße mich zusammen, wohl wissend, dass die netten Polizisten draußen sofort wieder auf meiner Matte stehen würden, sollte ich in irgendeiner Weise auffällig werden. Also versuche ich, meine Gefühle unter Kontrolle zu bringen, auch wenn es schwerfällt.

Mein Name ist Eric Harmann. Ich bin sechsunddreißig Jahre alt, und ich habe heute meine Mutter verloren.

Nein, das stimmt nicht. Verloren habe ich sie nicht. Sie wurde mir genommen. Brutal aus meinem Leben gerissen. Das allein ist schon schlimm, aber unerträglich macht es die Tatsache, dass ich weiß, wer es getan hat.

Ich stemme mich von der Tür ab und begebe mich durch den Flur in die Küche. Mein Mund ist trocken, ich brauche dringend etwas zu trinken. Im Vorbeigehen bemerke ich das kleine Loch im Türrahmen. Heute Mittag hing dort ein Bild, ein Polaroid. Abgebildet war meine Mutter. In Nahaufnahme. Zu sehen waren hauptsächlich nur ihre Augen, die tränenüberströmt und voller Panik in die Kamera schauten. Ein Blick, den ich noch nie zuvor bei ihr gesehen hatte.

Schwermütig streiche ich mit meinem Daumen über das kleine Loch und denke an die vergangenen Stunden.

Ich kam wie gewohnt mit dem Fahrrad zur Mittagspause nach Hause. Ich führe ein gut gehendes Geschäft im Ortskern von Bad Bederkesa. Meine Haupteinnahmequelle ist die Sicherheitstechnik. Viele Beerster, so nennt man die Einheimischen aus Bad Bederkesa, bevorzugen es, in einem gesicherten Haus zu wohnen, und kommen zu mir, um sich in Sachen Kameraüberwachung, Bewegungsmelder und Schließtechnik beraten zu lassen. Sie können sich so der Illusion hingeben, wenigstens in den eigenen vier Wänden vor dem Übel in der Welt verschont zu bleiben.

Meine Mutter hatte heute ihren freien Tag, ihr Auto stand auf dem Parkplatz vor der Tür, weshalb ich davon ausging, dass sie auch zu Hause war. Sie ist Verkäuferin im örtlichen Supermarkt. Nein, sie war Verkäuferin in dem Markt. Es ist schwer für mich, in meinen Kopf zu kriegen, dass sie tot ist. Das wird wohl auch noch eine Weile dauern, denn immerhin war sie mein Leben lang für mich da, weil ich es nie geschafft hatte von Zuhause auszuziehen – zu verlockend waren die Annehmlichkeiten, die mir diese Gemeinschaft bot.

Schon als ich die Haustür öffnete, bemerkte ich, dass irgendetwas nicht stimmte. Eine dunkle Ahnung, ein negatives Gefühl oder nennen wir es einfach Instinkt, mahnte mich zur Vorsicht. Ich weiß nicht, ob es wirklich so war, aber die Temperatur im Haus schien gesunken zu sein. Eine seltsame Kühle umgab mich, wo mich eigentlich vertraute Wärme erwarten sollte. Ich schloss leise die Tür und schlich, ohne mich meiner Jacke zu entledigen, durch den Hausflur. Die Tür zum Wohnzimmer stand auf, und ich warf einen kurzen Blick hinein, konnte aber nichts Ungewöhnliches entdecken. Daraufhin zog ich mich leise zurück und ging wieder durch den Flur, zum nächsten Raum. Der Küche.

Hier fiel mir als Erstes das besagte Polaroid ins Auge. Ich nahm es vom Türrahmen, und es war, als würde mir jemand mit einem Eispickel in mein Herz stechen. Meine Hände fingen an zu zittern und wurden feucht.

Ich denke, ich bin ein ruhiger, rational denkender und sehr ausgeglichener Mensch, den nichts so leicht beeindrucken kann, aber in diesem Moment war jegliche Gelassenheit und Rationalität dahin. Ein panikartiges Gefühl überkam mich. Was war hier los? Ich hatte keine Ahnung, was es mit dem Bild auf sich hatte, aber ich spürte, dass etwas Schlimmes über uns gekommen war. Ich unterdrückte den Wunsch, nach meiner Mutter zu rufen, und sah mich stattdessen in der Küche um, entdeckte aber nichts, was dort nicht hingehörte.

Ich steckte das Bild in meine hintere Hosentasche und begab mich zu einer Schublade. Fahrig suchte ich nach einem großen Messer, um mich zu bewaffnen, und hatte schnell das passende gefunden.

Leichter Schwindel überkam mich, so dass ich mich kurz an der Arbeitsplatte festhalten musste. Dann riss ich mich zusammen und machte mich auf den Weg zum nächsten Raum. Mutters Schlafzimmer.

Die Tür war nur angelehnt. Behutsam legte ich meine Hand auf die Klinke. Ich lauschte auf Geräusche, konnte aber außer dem Verkehr auf der Straße keinen Laut vernehmen.

Ich hatte Angst. Zum ersten Mal in meinem Leben verspürte ich pure Angst. Mein Herz raste, mir wurde erneut schwindelig, und irgendwie schien mir die Situation so surreal, als würde ich in einem schlechten Film mitspielen. Ich bin kein ängstlicher Mensch, im Gegenteil, aber ich wusste, wenn ich diese Tür öffnen würde, dann würde sich mein Leben verändern, dann würde nichts mehr sein, wie es war. Davor hatte ich Angst. Panische Angst.

Dennoch entschied ich mich dafür, die Tür zu öffnen. Ich atmete tief durch und gab ihr einen Schubs.

Der Anblick wird mich mein Leben lang verfolgen, das weiß ich. Zwangsläufig habe ich mehr als einmal tote Menschen zu Gesicht bekommen, und es hat mir nichts ausgemacht, zumindest nicht viel. Aber bei der eigenen Mutter, die man über alles geliebt hat, die beinahe ein Teil von einem war, ist es etwas anderes. Es wird persönlich. Es trifft einen. Es fühlt sich beschissen an.

Regungslos stand ich im Türrahmen und konnte den Blick nicht von ihr abwenden. Ich glaube, mein Herzschlag setzte aus, aber auf jeden Fall hatte ich vergessen zu atmen.

Das passiert mir schon mal. Wenn mich etwas erschreckt oder überrascht, halte ich die Luft an und atme erst weiter, wenn mein Körper mich daran erinnert.

Meine Mutter lag unbekleidet und bäuchlings auf ihrem Bett, die Arme weit von sich gestreckt. Ihr Körper hatte seine ursprüngliche, leicht gebräunte Farbe verloren und erschien unnatürlich blass. Wo einst ihr wallendes, braunes Haar den Hinterkopf bedeckte, war jetzt nur noch ein feucht glänzender, verklebter Haufen Haare zu sehen. Knochensplitter ragten wie kleine Eisbergspitzen aus ihrem Schädel. Das Kissen, auf dem ihr Gesicht lag, war vollkommen durchtränkt von ihrem Blut, dessen metallischer Geruch den Raum erfüllte. Blutspritzer, große und kleine, verteilten sich großflächig um ihren Kopf auf dem Laken bis hin zur Tapete, Reste von Knochen und Gehirn oder sonst einer Substanz dazwischen.

Ich ließ das Messer fallen und sank auf die Knie, mitten im Türrahmen, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Mein Körper machte sich bemerkbar und verlangte nach Sauerstoff. Ich atmete hastig ein und versuchte wieder auf die Beine zu kommen, was gar nicht so einfach war, da meine Beine sich anfühlten, als wären sie aus Gelee, aller tragenden Knochen und Muskeln beraubt. Ich zog mich am Türrahmen hoch und legte vorsichtshalber eine Hand auf die Türklinke, um mich zu stützen.

Ich versuchte mir vorzustellen, was sie durchlitten haben musste, konnte es mir aber nicht einmal ansatzweise ausmalen.

Kleine und große Schnitte, aus denen Blut getreten war, verteilten sich über ihren gesamten Körper. Dunkle Stellen übersäten den kompletten Rumpf und einen Teil der Beine. Der Mörder musste sie mit irgendeinem harten Gegenstand wiederholt geschlagen und brutal misshandelt haben. Außerdem hatte er ihr, vermutlich mit einem Messer, die Schnittwunden zugefügt. Er hatte sich Zeit genommen und sich regelrecht an ihr ausgetobt, den Spuren nach zu urteilen.

Der Wahnsinn hatte mein Heim erreicht.

Ich schrie mir die Seele aus dem Leib.

Bei der Erinnerung daran überkommt mich erneut ein Schauer, und ich wende mich dem Kühlschrank zu. Ich nehme mir eine Flasche Milch, greife mir ein Glas aus dem Schrank und schenke mir ein. Im Stehen leere ich das Glas in einem Zug. Außer einer Scheibe Brot zum Frühstück und ein paar Tassen Kaffee habe ich heute nichts zu mir genommen, und dieses kühle, weiße Getränk ist die reinste Wohltat.

Die Beamten haben gesagt, ich dürfe das Schlafzimmer noch nicht betreten, trotzdem spüre ich das Verlangen, noch einmal einen Blick hinein zu werfen, und begebe mich zu Mutters Schlafraum.

Ein Absperrband ist quer vor die Tür gespannt. Es interessiert mich nicht. Ich öffne die Tür dennoch und schalte das Licht ein. Eine widerliche und abstoßende Szenerie erwartet mich. Überall noch Spuren von ihrem Blut. Nur dass ich den Anblick jetzt leichter ertragen kann, da meine Mutter nicht mehr in ihrem Bett liegt.

Mutters Schlafzimmer ist nicht groß. Das Bett, ein Doppelbett, steht mit dem Kopfteil an der rechten Wand und nimmt den meisten Platz im Raum ein. 

Es ist ein einfaches Gestell aus hellgrauen Stahlrohren. Links und rechts steht jeweils ein Nachttisch. Auf dem linken Nachtschrank befindet sich ein gerahmtes Foto meines Vaters. Meines leiblichen, verstorbenen Vaters. Blutspritzer bedecken sein lachendes Antlitz. Am Fußende steht ein weißer Kleiderschrank mit Spiegel, der die gesamte linke Wand einnimmt. Der Schlafzimmertür gegenüber befindet sich das Fenster. Der Fußboden ist mit hellem, fast weißem Teppich ausgelegt. Viele dunkle Tropfen, Spritzer und verschmierte Spuren bedecken den Hochflor, ebenso die Tapete am Kopfende.

Meine Mutter liebte Teppiche. Sie konnte nichts mit Laminat oder PVC anfangen, da sie das weiche, wohlige Gefühl der Teppichfasern an ihren Füßen mochte. Für sie war es ein Stück Lebensqualität.

Jetzt muss ich alles entsorgen, da eine Reinigung wohl nicht möglich ist. Ein Beamter hat mir gesagt, es würde noch jemand kommen, der hier ordentlich saubermachen würde, wenn alle Spuren gesichert sind und sie nicht mehr in den Raum müssten. Das könnte aber noch ein paar Tage dauern. Wahrscheinlich kommt dann so ein schrulliger Tatortreiniger, wie man ihn aus dieser Fernsehserie kennt. Aber ich bezweifle, dass der die Flecken aus dem Teppich rauskriegt. Mutter hat immer zu mir gesagt, dass Blut nicht aus der Wäsche rausginge. Warum dann aus Teppichen?

Mein Blick geht zum Fußende des Bettes. An der oberen Verstrebung des Rahmens fehlt Farbe. Hier war am Mittag noch ein Seil dran befestigt, verbunden mit den Füßen meiner Mutter. Sie muss heftig daran gezerrt haben, denn sonst wäre der Lack nicht dermaßen abgescheuert worden.

Dieses miese Schwein hatte ihr die Füße gefesselt, aber die Arme frei gelassen. Wahrscheinlich hatte er sie am Genick gepackt und ihr Gesicht ins Kissen gedrückt, während er mit einem schweren Gegenstand immer und immer wieder auf ihren Hinterkopf einschlug.

Ich frage mich, wie er es geschafft hatte, unbemerkt aus dem Haus zu kommen. Die Ermittler haben sich dahingehend noch bedeckt gehalten und wollten keine Vermutungen in den Raum stellen, was ich komisch finde, denn im Fernsehen haben die Protagonisten immer sofort eine Theorie parat, die sie bereitwillig von sich geben.

Er musste über und über mit Blut beschmiert gewesen sein. Es sei denn, er hatte ein Ganzkörperanzug dabei gehabt, ähnlich denen, die die Techniker der Polizei anhatten. Dann hätte er aber eine Tasche dabei haben müssen. Hatte er da auch sein Tatwerkzeug, die Kamera und das Seil drin verstaut? Wahrscheinlich.

Ich werde ihn fragen.

Außerdem will ich wissen, ob Mutter noch lebte, als er ihr den zweifingerdicken Holzstab von etwa einem Meter Länge in den After gestoßen hat. Die Polizeibeamten konnten mir darauf noch keine Antwort geben. Er schon. Deshalb werde ich ihn fragen.

Nur das Motiv ist mir bis jetzt völlig unklar. Aber auch das werde ich ihn fragen. Die Ermittler gehen erst einmal von einem sadistisch motivierten Verbrechen, begangen von einem Triebtäter, aus. Ein schlaksiger Beamter mit Hornbrille meinte, es handele sich vielleicht auch um einen außergewöhnlichen Fall von Misogynie. Ich wusste natürlich, was das bedeutet, aber er fühlte sich genötigt – wohl mehr aus einer Art Selbstbeweihräucherung heraus –, es mir zu erklären. »Krankhafter Hass gegenüber Frauen«, ließ er mich knapp und oberlehrerhaft wissen.

»Es gibt wohl für alles ein Wort, was?«, war mein Kommentar, und der Mann zog sich beinahe beleidigt zurück. Er hatte wohl etwas mehr Anerkennung erwartet.

Natürlich lagen sie damit ziemlich nah dran, aber mir fehlt da noch etwas. Es steckt mehr dahinter.

Die Polizeibeamten meinten, dass der Täter meine Mutter bewusst zur Schau gestellt hat, so wie sie da lag. Eine Art Nachricht – es hätte mit Sicherheit etwas zu bedeuten, wahrscheinlich für den Täter selbst, der damit eine Begierde oder einen Drang stillen wollte, eine Fantasie, die er sich ausgemalt hatte und aus der er Befriedigung zog.

Alles richtig, meiner Meinung nach, die Jungs sind wirklich gut. Was sie aber nicht wissen, und ich weiß nicht, ob sie es noch herausfinden werden, ist, dass es sich um die Nachstellung eines ganz bestimmten Gemäldes handelt. Besser gesagt, einer Radierung.

Als ich meine geschändete Mutter auf ihrem Bett liegen sah, die Arme weit von sich gestreckt, die Beine stramm gefesselt und mit einem Stecken in ihrem After, wusste ich sofort, dass es sich um ein Tableaux vivant handelte. Ein mit Menschen – eigentlich lebenden Menschen – nachgestelltes Gemälde oder Bild. Und ich kenne jemanden, der eine Vorliebe für dieses Tableaux und auch das Peinigen von Frauen hat. Er hat eine Bildermappe mit Dutzenden solcher Zeichnungen, die sich nur um eines drehen: Folter und Schrecken im Krieg.

Ich weiß also, was es war und kenne den Hintergrund, und ich weiß dadurch auch, wer es war. Zigmal habe ich dieses und ähnliche Bilder bei ihm zu Hause gesehen, und jedes Mal überkam mich leichtes Unbehagen, wenn ich die schonungslose Brutalität in diesen Zeichnungen betrachtete.

Er hatte die Szenerie aber nicht allzu detailgetreu nachgestellt. Zum Beispiel wird der Holzstab, mit dem die Frau auf dem Bild malträtiert wird, noch von ihrem Peiniger festgehalten, aber dafür hätte er sich wohl im Nachhinein auch nicht zu Verfügung gestellt. Ihm reichte der Wink scheinbar, um sicher zu sein, dass ich es deuten würde. Recht hat er.

Nur, was er damit erreichen will, ist mir bislang ein Rätsel. Am wahrscheinlichsten ist, dass er mich bestrafen möchte. Aber warum? Ich habe ihm keinerlei Grund gegeben, mir zu schaden. Wir waren doch ein Team.

Ich kannte seine dunklen Geheimnisse und er meine. Wir waren auf unsere gegenseitige Loyalität angewiesen, bildeten sozusagen eine Zweckgemeinschaft. Außerdem kam ich ihm nicht in die Quere, und wir schützten einander, denn wir wussten, wenn der eine fällt, wird der andere mitgerissen.

Also, was sollte das jetzt?

Des grausigen Anblicks überdrüssig, schließe ich die Tür zu Mutters Schlafzimmer und begebe mich wieder in die Küche. Bedrückt setze ich mich an den Küchentisch, lege meinen Kopf in beide Hände und denke an sie.

Ich erinnere mich wehmütig an den Abschied von ihr am Morgen. Ich erinnere mich an ihr sanftes Lächeln, als sie mir, wie jeden Morgen, einen erfolgreichen Tag wünschte. Am Morgen war sie noch eine gutaussehende, sanftmütige Mittfünfzigerin mit Milchschaum auf der Oberlippe, die zu jedem Menschen stets freundlich und aufgeschlossen war. Jetzt ist sie nur noch ein malträtierter, gedemütigter Haufen Fleisch ohne Wärme und Leben.

Ich werde sie vermissen. Ich vermisse sie jetzt schon.

Eine Träne läuft mir langsam auf der rechten Wange herunter, die ich überrascht wegwische. Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals geweint zu haben, und betrachte die Feuchtigkeit auf meinem Zeigefinger ein wenig überrascht. Behutsam verteile ich den Trauersaft mit meinem Daumen und frage mich, ob ich nicht doch ein normaler Mensch mit normalen Gefühlen bin.

Seit jeher habe ich mich gefragt, was mit mir los ist. Ein früherer Freund meiner Mutter, Jörg, sagte schon vor Jahren, ich wäre nicht normal, und ich ahnte, dass er recht hatte.

Während andere Kinder weinend zu ihrer Mutter liefen, wenn sie sich irgendwo gestoßen oder wehgetan hatten, habe ich mich nur schweigend zurückgezogen und sprach mit niemandem, wenn mich etwas schmerzte.

Ich hatte andere Kinder bei Schulhofkloppereien beobachtet und gesehen, wie angespannt und fahrig sie waren. Voll mit Adrenalin, fingen ihre Hände an zu zittern, während ich in ähnlichen Situationen die Ruhe selbst war.

Einmal, ich glaube, ich war sechs oder sieben Jahre alt, zog ich mir einen großen Schnitt in der Handfläche zu, als ich mit meinen Freunden Rafael und Tommy Scheiben einer verlassenen alten Waldhütte zerschlug. Ich verband meine Hand notdürftig mit einem Stofftaschentuch, ging nach Hause und säuberte die Wunde unter dem Wasserhahn. Das Taschentuch war mittlerweile komplett rot, und immer noch trat sehr viel Blut aus der Wunde. Ich fand damals nicht, dass es besonders schmerzhaft war, und war auch nicht der Meinung, irgendetwas unternehmen zu müssen, außer die Wunde zu verbinden und heilen zu lassen.

Meine Mutter sah das anders. Sie bemerkte es am nächsten Tag, als sie das Taschentuch im Wäschekorb fand, und kam sofort zu mir. Erst da sah sie, dass ich einen Verband trug – die Aufmerksamste war meine Mutter nie. Sie machte gleich einen Riesenalarm.

Der Schnitt war sehr tief, etwa sechs Zentimeter lang und verlief quer durch meine kleine Handfläche (die Narbe ist heute noch sehr gut zu sehen). Ich befürchtete, meine Mutter würde umfallen, so blass wurde sie. Nun, ich erinnere mich, dass es wirklich nicht sehr appetitlich aussah, aber deswegen so ein Radau zu machen, das entzog sich meinem Verständnis. Wir fuhren umgehend zum Arzt, aber an Nähen war nicht mehr zu denken, da die Schnittränder schon verhärtet waren. Meine Mutter war außer sich vor Sorge, und von da an hatte sie ein wachsameres Auge auf mich.

Diese und ähnliche Situationen zeigten mir, dass ich anders als andere Kinder war.

Viel später erst stieß ich, mehr durch Zufall, auf ein Buch über Psychologie und war begeistert. Ich wollte mehr erfahren und las mich in die verschiedensten Themenbereiche ein.

Ich war noch jung, siebzehn, und verstand natürlich nicht alles, was ich da las, aber es blieb trotzdem viel hängen.

Eine Zeitlang war ich ganz versessen darauf, die Körpersprache der Menschen zu deuten, und ich wurde richtig gut darin, das Verhalten meiner Mitmenschen zu analysieren. Auch mich, mein Verhalten und meine Reaktionen fing ich an, besser zu verstehen. Es war faszinierend.

Andere Jungs schwärmten von Rocky und Rambo, ich dagegen von Samy Molcho.

Heute kommt mir das Erlernte zugute, wenn ich in meinem Laden einen unschlüssigen Kunden habe. Wenn ich die richtigen Triggerpunkte erkennen kann und schließlich auslöse, kauft der Kunde alles, was ich ihm vorschlage, und geht noch mit einem guten Gefühl nach Hause. Natürlich geht das nicht so einfach und schon gar nicht bei jedem. Die Situation muss stimmen, und man muss eine Menge Energie und Fachwissen aufbieten. Aber wenn man einen gut zu manipulierenden Menschen vor sich hat, dann zahlt sich die Bemühung aus.

Ich hätte gerne Psychologie studiert und hätte es vielleicht auch geschafft, da ich immer ein strebsamer und wissensdurstiger Junge war, aber es war mir letztendlich alles zu theoretisch. Für den privaten Gebrauch war es sicherlich hilfreich, aber als Job wollte ich etwas machen, das ein wenig Handwerkskunst erfordert. Ich wollte Dinge erschaffen oder verschönern und kam über Umwege vom Feinmechaniker und Schlosser zu meinem eigenen Laden, in dem ich zum Beispiel Messer verkaufe, Pokale für den ortsansässigen Schützenverein verziere, Ketten und Anhänger beschrifte, Batterien austausche und Schlüssel nachmache. Außerdem plane und installiere ich, wie schon erwähnt, Alarmanlagen und Schließsysteme in Häusern und öffentlichen Einrichtungen, was mir viel sehr Spaß macht und eine gute Einnahmequelle ist.

Ich habe auch das Schließsystems bei meinem ehemaligen Freund eingebaut. Ich sage ehemaligen Freund, weil er mir mit der Ermordung meiner Mutter eine Art Kriegserklärung hat zukommen lassen.

Oder vielleicht eine Warnung?

Ich weiß es nicht.

Ich wische mir die Träne am Hosenbein ab und reibe mit meinem Hemdsärmel über die Augen. Ich zwinge mich, gedanklich nicht zu weit abzuschweifen, denn ich muss meine nächsten Schritte sorgfältig planen und gehe deshalb einige Fragen und Optionen durch.

Da er so sorgsam darauf bedacht war, durchblicken zu lassen, dass er meine Mutter so barbarisch geschändet hat, wird er davon ausgehen, dass ich etwas unternehmen werde. Fakt.

Rechnet er noch heute damit?

Ich weiß nicht, möglich wäre es. Obwohl er natürlich weiß, dass ich sehr vorsichtig bin.

Wie konnte er sicher sein, dass ich ihn nicht verpfeife?

Ganz klar. Weil ich mir dann gleich selber Betonfüße gießen und mich in den nächsten Fluss stürzen könnte. Wenn er fällt, werde auch ich fallen. Ebenfalls Fakt.

Sollte ich die offene Konfrontation suchen?

Nein, lieber nicht. Er würde jederzeit mit einem Übergriff rechnen, und meine Chancen gingen gegen Null, denn er ist ein gewaltiger, brutaler Gegner, und kein Mensch kann sich ausmalen, was am Ende der Konfrontation dabei herauskommt. Auch das ist Fakt.

Also überrasche ich ihn am besten, wenn er nicht damit rechnet.

Die Frage ist nur: wann soll das sein?

Ich stehe auf und lösche das Licht in der Küche. Heute werde ich nichts mehr unternehmen.

Ich knipse auch die Lampe im Flur aus und begebe mich im Dunkeln die Treppe hinauf, in den ersten Stock. In mein Reich.

Auf dem Weg nach oben kommt mir ein anderer Gedanke.

Was, wenn er gar nicht erwartet, dass ich etwas unternehme? Wenn der Tod meiner Mutter tatsächlich keine Herausforderung oder Warnung war, sondern nur ein Vorspiel zu dem finalen Akt, an dessen Ende ich der Geschlachtete bin?

Ich muss sehr gut auf mich aufpassen. Alles kann in der nächsten Zeit passieren, und nur er weiß, wie das Spiel weiter gespielt wird. Er bestimmt die Regeln, und ich kann nur reagieren, was mir natürlich nicht gefällt. Es sei denn, ich drehe den Spieß um, womit ich wieder am Anfang wäre. Soll ich etwas unternehmen, oder lasse ich es erst einmal?

Es ist zum Mäuse melken, wie meine Mutter immer sagte, wenn sie nicht schlau aus etwas wurde.

Ich bin oben angelangt und merke jetzt erst richtig, wie kaputt ich eigentlich bin. Der erste Stock des Hauses ist ausgebaut und mit allem ausgestattet, was ein alleinstehender Mittdreißiger zum Leben braucht: Wohnzimmer, Schlafzimmer, Bad. Jeder Raum mit einem Fernseher ausgestattet. Eine Küche habe ich nicht, da ich sie mir unten mit meiner Mutter teilte. Hätte ich hier oben eine, dann befände sich dort mit Sicherheit auch ein Fernseher, denn ich mag Stille nicht besonders und finde es erfrischend, morgens den Tag mit bunten Bildern und einem gutgelaunten Moderatorenteam zu beginnen, das einem die neusten Meldungen präsentiert.

Ich gehe ins Wohnzimmer und lege mich in der Dunkelheit auf die Couch. Die Anzeige meines Videorecorders, ich besitze tatsächlich noch so ein vorsintflutliches Gerät, zeigt mir an, dass es fast ein Uhr nachts ist.

Ich schließe die Augen und versuche mich zu entspannen, da mein Hals verkrampft ist und mein Kopf schmerzt.

Ich denke noch mal an meinen Freund. Meinen Gefährten. Meinen Gegner.

Was hat ihn, zum Teufel noch mal, zu so einer Tat bewogen? Ich kann es mir einfach nicht erklären. Vielleicht hat ihn eine Art Todessehnsucht übermannt, denn er weiß ganz genau, dass man sich mit mir nicht anlegen sollte. Er muss doch wissen, dass ich den Mord an meiner Mutter nicht bei einer Tasse Kaffee besprechen, sondern ihm bei lebendigem Leibe die Haut vom Körper schneiden werde.

Das Problem wird nur sein, ihn in einem günstigen Moment zu überraschen. Und auch dann muss ich wahrscheinlich noch viel Glück haben, um da unbeschadet herauszukommen.

Ich werde müde, und meine Augen fallen zu.

Ich schiebe die düsteren Gedanken beiseite und gebe mich meiner Erschöpfung hin.

 

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Zur selben Zeit wälzt sich ein Mann schlaflos von einer Seite auf die andere. Er blickt durch die Dunkelheit auf seinen Wecker, der ihn in hellgrünen Ziffern wissen lässt, dass die Nacht noch lange nicht vorbei ist. Gerade mal ein Uhr. Er atmet geräuschvoll aus und zuckt erschrocken zusammen, als sich eine Hand auf seine Schulter legt.

»Kannst du wieder nicht schlafen, Schatz?«

Es ist seine Frau. Er dachte, sie schläft, aber wahrscheinlich hält er sie mit seinem Gewühle auch noch wach.

»Ich weiß auch nicht. Ich komme irgendwie nicht zur Ruhe.«

Sie streichelt seinen Kopf. Das beruhigt ihn etwas, aber schlafen wird er dennoch nicht können, das weiß er.

Es ist Polizeihauptkommissar Edmund Peters, von der Kriminalpolizei in Schiffdorf. Eigentlich ist er hundemüde und sollte schlafen können wie ein Baby, aber sein Kopf spielt, wie so häufig, einfach nicht mit. Zu viele Gedanken beschäftigen ihn.

Kurzerhand nimmt er die Hand seiner Frau, gibt ihr in die Handfläche einen Kuss und steigt mühsam aus dem Bett.

»Ich geh ein bisschen ins Wohnzimmer, Schatz. Schlaf schön weiter.«

Sie brummelt etwas Unverständliches ins Kissen, und er macht sich in Unterhemd und Pyjamahose auf den Weg. Es ärgert ihn, wenn er nicht schlafen kann. Seit zwei Jahren leidet er ziemlich häufig an Schlaflosigkeit aufgrund akuten Gedankenfaschings, wie er seine Grübeleien zu nennen pflegt.

Peters schlurft in das Wohnzimmer, setzt sich auf seinen Sessel und schaltet den Fernseher ein. Die Fernbedienung legt er sich auf seinen etwas vorstehenden Bauch. Eine nackte Frau unter der Dusche fordert ihn auf, sie anzurufen, damit sie gemeinsam Spaß haben können. Der Kommissar schüttelt den Kopf und schaltet um. Hier fordern ihn zwei ebenfalls nackte junge Damen auf, sie ordentlich ranzunehmen. Er solle einfach anrufen.

Eine kranke Welt ist das, denkt er und zappt weiter. Eine Dokumentation. Leider wieder eine über Hitler und seine Schergen. Oder Hitlers Frauen. Kann auch sein, dass es sich diesmal nur um seinen Hund dreht. Peters interessiert es nicht, er schaltet weiter. Nachdem er auf eine schreiende Mutter mit Grammatikproblemen und noch mehr willige Frauen gestoßen ist, bleibt er bei einer Dokumentation über die Dominikanische Republik hängen. Schon besser.

Er hat nicht vor, sich etwas intensiv anzuschauen. Er will sich nur berieseln lassen, damit er müde wird.

Er ist jetzt sechsundfünfzig Jahre alt. Zeitlebens war er bei der Polizei. Vom einfachen Streifenpolizisten zu Fuß, später mit dem Auto, hat er sich hochgearbeitet bis hin zum Leitenden Kommissar der Kripo. Er mag seine Arbeit, seine Kollegen und alles, was damit zusammenhängt. Er hält die Arbeit für wichtig, aber in letzter Zeit fällt sie ihm zunehmend schwerer.

Der Fall heute geht ihm besonders an die Nieren. Eine gutaussehende und sympathisch wirkende Frau, erschlagen und gedemütigt in ihrem eigenen Haus.

Wo soll das alles noch hinführen, denkt er. Wie krank ist diese Welt?

Seine eigene Frau ist in fast dem gleichen Alter und auch häufig alleine zu Hause. Er will und darf sich darüber keine Sorgen machen, aber wer würde das verdammt noch mal nicht? Er liebt sie über alles. Sie ist die Mutter seiner Kinder und war ihm stets eine tolle Ehefrau. Seit ihrer Jugendzeit sind sie zusammen, beinahe vierzig Jahre, und noch nie hat er eine andere Frau begehrt. Er könnte es nicht ertragen, wenn ihr etwas zustoßen sollte.

So eine grausame Tat ist natürlich äußerst selten, vor allem in norddeutschen Gefilden. Trotzdem bleibt ein scharfer Nachgeschmack von Furcht in ihm zurück.

Einige Ermittler würden sich nach so einem Fall die Finger lecken. Er kennt sogar ein paar davon, aber er braucht so einen kranken Scheiß nicht.

Er fährt sich mit den Fingern durch sein graumeliertes, schütteres Haar. Im Fernseher beobachten gerade ein paar Touristen von einem Boot aus einen Buckelwal. Peters schaut hin, ist gedanklich aber woanders.

Der Anruf kam gestern Mittag. Die Ortspolizeibehörde Bad Bederkesa hatte den Mord bei der Polizeiinspektion Schiffdorf gemeldet. Die Kollegen vor Ort sind personell und ausrüstungstechnisch nicht für so einen Fall ausgerichtet, deswegen kam die Meldung zu ihm. In der Gemeinde war gerade nicht viel los, außer ein paar Einbrüchen und Familienstreitigkeiten. So konnte er sich gleich auf den Weg machen.

Nach etwa zwanzig Minuten kam er beim Tatort an und verschaffte sich schnell einen Überblick. Die Kollegen vor Ort hatten gute Arbeit geleistet und nichts angerührt, sondern den Bereich nur großflächig abgesperrt und schon angefangen, umstehende Leute zu befragen.

Ein Kollege führte ihn dann zum Schlafzimmer der Verstorbenen. Ihm verschlug es die Sprache. So etwas hatte er in seiner gesamten Laufbahn noch nicht gesehen. Angewidert hatte er sich abgewandt.

Er verteilte seine Männer und ließ sie ihre Arbeit machen. Mit den meisten arbeitete er schon mehrere Jahre zusammen. Er konnte sich blind auf sie verlassen. Er schaute nur hin und wieder den Technikern über die Schulter und stellte ein paar Fragen. Anschließend kam ein örtlicher Beamter zu ihm und stellte ihm den Sohn der Ermordeten vor. Eric Harmann.

Peters sprach ihm sein Beileid aus und taxierte den Mann. Mitte dreißig, fast einen Meter neunzig groß, braunes, dichtes Haar und offener Gesichtsausdruck. Eine gepflegte und attraktive Erscheinung und äußerst gut in Form.

Die Dienststelle der örtlichen Kollegen war nicht weit entfernt, und er fuhr gemeinsam mit dem Sohn dorthin, um seine Aussage aufzunehmen. Ihnen wurde ein Büro freigehalten, und sie wurden mit Kaffee versorgt. An der Aussage des Sohnes gab es nichts zu rütteln. Er schien sehr ruhig und distanziert, was Peters ein wenig wunderte, aber jeder trauert ja bekanntlich anders.

Auch schien er nicht der Typ zu sein, der zu so etwas fähig war, zumal er ein Alibi hatte. Seine Mitarbeiterin und zwei Kunden konnten bestätigen, dass er den ganzen Vormittag in seinem Laden war und nur zur Mittagspause nach Hause gefahren sei. Harmann meinte, er hätte Verständnis dafür, wenn er als Erstes unter Tatverdacht geriete und sie auch in diese Richtung ermitteln müssten, aber er habe seine Mutter geliebt und wäre nicht fähig, jemandem so etwas anzutun. Peters glaubte ihm, auch wenn ihn die kühle Sachlichkeit dieses Mannes ein wenig irritierte.

Die Befragung zog sich etwas über eine Stunde hin. Der Sohn nahm ihm das Versprechen ab, die Nacht im Haus verbringen zu dürfen, da er nicht wusste, wo er sonst hin sollte. Dem wollte Peters sich nicht entgegenstellen, meinte aber, dass es eine Weile dauern könnte. Zum Schluss nahmen seine Kollegen dem Mann Fingerabdrücke ab, um sie von denen am Tatort zu unterscheiden und zuordnen zu können. Herr Harmann fuhr dann abrufbereit zu seinem Geschäft zurück, und Peters fuhr wieder zum Tatort. Seine Männer hatten alles im Griff. Reporter schwirrten umher und stellten Fragen. Peters gab aber keine Antworten. Ebenso wenig seine Leute.

Den restlichen Tag bestritt er mit Routinearbeit. Kollegen einteilen, Aufgaben verteilen, Telefonate führen und Schreibarbeit. Ihm war da schon längst bewusst, dass es ein Fall war, den er nicht haben wollte.

Auch jetzt, grübelnd auf dem Sofa, geht ihm dieser Fall mächtig gegen den Strich. Sie haben bis jetzt nicht den kleinsten Anhaltspunkt, wer der Täter sein könnte. Die Nachbarn haben nichts gesehen. Die wenigsten waren überhaupt zu Hause. Morgen, oder besser gesagt: heute wird ein Artikel in der Zeitung erscheinen, in dem um Mithilfe gebeten wird. Vielleicht kann sich jemand, der an dem Haus vorbeigefahren ist, an etwas oder jemanden erinnern. Auch im Radio wird die Tat erwähnt und nach Zeugen gesucht. Zusätzlich wird ein Aufruf bei Facebook erscheinen.

Die niedersächsische Polizei war die erste, die die sozialen Medien nutzte, und das mit relativ großem Erfolg. Man muss halt mit der Zeit gehen, denkt sich Peters. Über dieses Forum erreicht man heutzutage mehr Leute als mit der Dorfzeitung.

Außerdem wird er sich den Sohn heute noch einmal genauer ansehen, auch wenn er glaubt, dass der nichts damit zu tun hat. Aber man weiß ja nie. In über neunzig Prozent der Fälle gibt es eine frühere Verbindung zwischen Täter und Opfer – oder deren Angehörigen.

Von innen nach außen, sagt er sich. Das ist die Vorgehensweise. Zuerst nimmt man die Leute in unmittelbarer Umgebung des Opfers in Augenschein: Ehemänner, Geliebte, Verwandte, Freunde, Nachbarn und Kollegen. Dann weitet man den Kreis aus, und wenn man ganz viel Glück hat, bekommt man ein loses Ende zu fassen, an dem man sich vorarbeiten kann, bis der Täter geschnappt ist.

Oder seine Techniker finden eine verwertbare Spur. Heutzutage ist technisch sehr viel möglich, und sein Budget erlaubt es ihm, auf diese Ressourcen zuzugreifen. Und Peters hat alles Mögliche mobilisiert, das komplette Programm. Alles wurde genauestens fotografiert und vermessen. Fingerabdrücke wurden sichergestellt, Fasern auf Fußboden und Bett wurden aufgesaugt und zur Analyse geschickt. Die Auswertung wird einige Zeit in Anspruch nehmen, und bis dahin heißt es Lauf- und Ermittlungsarbeit für Peters und sein Team.

Leider will er nicht so recht an einen schnellen Erfolg glauben, denn sein Gefühl sagt ihm, dass der Mörder ihn noch mächtig auf Trab halten wird. Das stinkt ihm jetzt schon.

Er hat die Schnauze voll von der ganzen Gewalt in der Welt. Man hört es in den Nachrichten, liest es in den Zeitungen und nimmt es doch nicht mehr richtig wahr, weil es so alltäglich geworden ist.

Ein Nachbarbezirk hat vor kurzem eine interne Statistik veröffentlicht, aus der bekannt wurde, dass über achttausend, man muss sich das mal vorstellen, achttausend Menschen, vornehmlich Männer, strafrechtlich wegen sexueller Delikte bekannt sind. Die laufen frei da draußen rum. Pädophile, Vergewaltiger, Exhibitionisten. Und das sind nur die, die man erkannt und erfasst hat, die Dunkelziffer dürfte weitaus größer sein. Selbst Mörder tauchten in dieser Bekanntmachung nicht auf.

Er schüttelt den Kopf, kann es nicht fassen.

Er kennt auch einige Zahlen für seinen eigenen Bezirk, oder besser gesagt für Niedersachsen. Seit 1964 sind 1106 Menschen verschwunden und nie wieder aufgetaucht. 169 Tote gibt es, die man keiner bestimmten Person zuordnen kann und die scheinbar niemand vermisst. Und es gibt Dutzende Morde, in deren Ermittlungen sie einfach nicht weiterkommen. Es ist zum Verrücktwerden.

Am liebsten möchte er den ganzen Scheiß hinschmeißen und lieber mit seiner Frau den Rest des Lebens zu Hause bleiben. Dann hätte er Zeit für sie, und er bräuchte sich auch keine Sorgen um sie zu machen. Auch seine beiden mittlerweile erwachsenen Töchter würde er gerne wieder zu Hause wissen, aber die würden ihm was husten, da sie sich um ihre eigene Familie kümmern müssen. Er stößt einen lauten Seufzer aus und schaut wieder auf den Bildschirm.

Die Dokumentation ist mittlerweile zu Ende. Er schaut auf die Wanduhr und sieht, dass es bereits zwei Uhr durch ist. Er entschließt sich, wieder ins Bett zu gehen und macht sich auf ins Schlafzimmer. Leise öffnet er die Tür, begibt sich auf Zehenspitzen zum Bett und legt sich hinein. Eine Weile schaut er in dem schwachen Widerschein des Weckers seiner Frau beim Schlafen zu. Wie schön sie ist, denkt er. Er beugt sich zu ihr hinüber und riecht an ihren Haaren. Er liebt ihren Duft, schon seit jeher. Sie rührt sich und nimmt seine Hand.

»Alles okay?«, murmelt sie.

»Alles okay, mein Schatz. Ich liebe dich.«

»Ich liebe dich auch, Edmund.«

Händchenhaltend gleitet er in einen unruhigen Schlaf.

Morgens wird er nichts mehr davon wissen, aber fühlen, dass es keine gute Nacht war. Er träumt von dunkel vermummten Männern, etwa zwanzig an der Zahl, die sich mit dünnen Holzstöcken um sein Haus versammeln. Sie rufen nach ihm, fragen ihn, wo seine Frau sei. Er will es ihnen nicht sagen und bittet sie, zu gehen, sonst müsse er sie verhaften.

Sie lachen ihn nur aus.

Im Hintergrund steht Eric Harmann und wedelt mit seinen Armen, als ob er ihn vor etwas warnen möchte. Er scheint zu schreien, doch Peters kann ihn nicht verstehen.

Die Vermummten kommen näher. Bedrohlich nahe. Sie wollen ihm weh tun. Sie wollen seiner Frau weh tun.

Er stellt sich ihnen entgegen.

 

 

 

 

Ende der Leseprobe

 

 

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Marco Monetha, Heidestr. 13, 27619 Bramel, Juli 2016