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Marco Monetha

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Leseprobe "JONAS"

                                               

 

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Bad Bederkesa, Sonntagabend, 23. August 2015

 


Bis dass der Tod euch scheidet.
Kauend schaue ich von meinem ravioligefüllten Teller auf und blicke hinüber zu meiner Frau. Miriam.
Bis dass der Tod euch scheidet. So hatte es geheißen. Damals. Als wir voller Zuneigung den Stand der Ehe eingingen.
Wenn ich sie mir jetzt so anschaue, dann lieber heute tot als morgen.
Ich sitze am Esstisch im Wohnzimmer unseres gemeinsamen Hauses und starre auf das vierzigjährige Häuflein Mensch, das sich auf unserem Sofa lümmelt. Die Beine hat sie an den Oberkörper gezogen und eine beige Woll-decke über die Füße gelegt.
Wir haben draußen sommerliche fünfundzwanzig Grad Celsius, und sie legt sich eine Wolldecke über die Füße. Erstaunlich. Die Kleinigkeiten, die ich am Anfang unserer Beziehung noch süß und drollig fand, finde ich jetzt nur noch nervig und abstoßend. Wie kommt das?
Ein Bekannter, seit zwanzig Jahren verheiratet, erzählte mir einmal, dass es die kleinen Macken und Marotten sind, die er an seiner Frau so liebt. Nicht das Perfekte oder Erhabene würde ihn ansprechen und seine Frau so liebenswert machen, sondern die kleinen Ticks. Zum Beispiel, dass sie beim Schlafen leise vor sich hin schmatzt. Oder dass sie zur sprichwörtlichen Salzsäure erstarrt und sich keinen Schritt bewegt, wenn sie eine Spinne in ihrer Nähe entdeckt.
Ich habe ihm damals sehr freundlich zugenickt. Gedacht habe ich natürlich etwas anderes: Idiot.
Aber so sind die Menschen halt. Sie reden sich den Scheiß in ihrem Leben immerzu schön. Keine Ahnung, warum. Vielleicht um sich selbst zu ermutigen. Wenn man sich Dinge oft genug einredet, dann glaubt man es wahrscheinlich irgendwann tatsächlich selber.
Ich tue das nicht. Ich sehe die Macken meiner Frau und denke: Das sind Macken. Die Geräusche, die sie macht, wenn sie isst. Dass sie mit Taschentüchern ihre Achseln trocken wischt, wenn sie schwitzt, und die versifften Tücher anschließend in ihre Handtasche steckt, wo sie mehrere Wochen zur Herberge unzähliger Keime und Bakterien werden.
Das ist nicht liebenswert. Das ist widerlich. Und ich mag es nicht.
Nicht dass ich mich für den perfekten Ehemann halten würde, im Gegenteil. Ich bin ein Durchschnittstyp. Normal gebaut, einen Meter achtzig groß und nicht gerade ein Orlando Bloom, aber auch nicht hässlich. Ich besitze noch mein komplettes braunes Haupthaar, habe dafür aber auch welche auf dem Rücken. Leidenschaft und Esprit besitze ich in etwa so viel, wie ein deutscher Verwaltungsfachangestellter am Montagmorgen Lust hat zu arbeiten. Also kaum bis gar nicht.
Aber das war mal anders.
Miriam und ich kennen uns seit der Grundschulzeit hier in Bad Bederkesa, einem Fünftausend-Seelen-Dorf zwischen Cuxhaven und Bremerhaven. Schon als Kinder waren wir unzertrennlich. Da wir nah beieinander wohnten, hatten wir viel miteinander gespielt und Zeit zusammen verbracht.
Sie war sogar meine erste feste Freundin. Wir steckten uns die berühmt berüchtigten Zettelchen zu. In der Mathestunde, ich weiß es noch genau. Der Klassiker. Willst du mit mir gehen? Ja, nein oder vielleicht zum Ankreuzen. Sie entschied sich für ja.
Die Beziehung hielt zwei Pausen. Im Biologieunterricht waren wir dann wieder getrennt, sind aber trotzdem Freunde geblieben.
Gefunkt hatte es schließlich, als wir in der Discothek Roes, ein Dorf weiter zusammen etwas getrunken hatten. Der Treffpunkt schlechthin, wenn man aus dem Umkreis kam und ordentlich abfeiern wollte. Wir hatten beide schon einige lockere Beziehungen hinter uns und waren zu diesem Zeitpunkt nicht sehr zufrieden mit dem Angebot an potentiellen Partnern. Ich war gerade siebzehn geworden, als wir uns in der dunkelsten Ecke der Diskothek und mit ungefähr zweieinhalb Promille im Blut näherkamen. Bruce Springsteen sang rauchig von den Streets of Philadelphia. Ein Dosenöffner, wie wir Jungs damals gerne spaßten. Da wir uns schon so lange kannten, war es herrlich unkompliziert, und dann ging es Schlag auf Schlag. Der erste gemeinsame Sex, danach feste Beziehung, die erste gemeinsame Wohnung und schließlich das eigene Haus.
Wir waren uns sicher. Sehr sicher.

Am Ende zu sicher.
Heute denke ich anders über die Institution Ehe. Wie sagte doch der schwedische Schriftsteller Strindberg so treffend: Manche Ehe ist ein Todesurteil, das jahrelang vollstreckt wird. Recht hatte er.
Ich schiebe den halb leergegessenen Teller beiseite und blicke lustlos zum Fernseher, um zu sehen, was dort so Fesselndes geboten wird. So fesselnd, dass meine Madam es nicht für nötig hält, sich zu mir zu setzen und mir Gesellschaft beim Abendbrot zu leisten.
Es ist Sonntagabend. Ein schöner warmer Tag Ende Juni. Wir sollten draußen sein und einen Spaziergang machen oder im Garten sitzen und grillen. Stattdessen hockt sie vorm Fernseher und sieht mit unnachahmlich dümmlichen Gesichtsausdruck ekelhaften und tiefenbegabten Menschen dabei zu, wie sie sich gegenseitig umwerben. Das Ganze ist so absurd, die Menschen so widerlich, dass ich am liebsten die paar Ravioli wieder zurück auf den Teller brechen würde, nur um ihr zu zeigen, was ich davon halte. Aber wahrscheinlich würde sie es nicht einmal bemerken. Und wenn doch, dann wäre es ihr egal, oder sie würde mich anschnauzen, weil ich ihre spannende Sendung gestört hätte. Das ist auch etwas, das sie in den Jahren perfektioniert hat. Motzen. Denn auch wenn es nichts zu meckern gibt, sie findet trotzdem irgendwas, das sie mir vor den Kopf knallen kann.
Mein Bruder hat da schon einen besseren Stand bei ihr. Egal was Sebastian macht, Miriam findet es toll.
Er ist zwei Jahre jünger als ich, also sechsunddreißig, und hat nach Ansicht meiner Frau weitaus bessere Kompetenzen als ich. In allen Bereichen. »Der Bastian ist immer so toll angezogen, Jonas. Warum gibst du nichts auf dein Äußeres?« Oder: »Oh, der Basti gibt sich immer so viel Mühe mit seiner Shannon. Warum machst du mit mir sowas nicht, Jonas?«
Sätze, wie sie nur eine Frau hervorbringen kann, die sich etwas anderes wünscht. Etwas anderes als mich.
Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich es machen würde. Sie verwöhnen und betüdeln. Nach allen Regeln der Kunst. Ich würde ihr schöne und teure Dinge kaufen, ihre Füße massieren und ihr noch eine zweite Decke über die Füße legen. Aber nur wenn meine Frau ebenso schlank, schön und mit großen Brüsten gesegnet wäre wie die Frau meines Bruders. Ich würde sie täglich auf Händen tragen. Aber stattdessen ist Miriam relativ normal. Von der Körpergröße her eher klein, sie hat kurze braune Haare und eine normale Figur – ohne große Brüste. Und das Schlimme: Im Gegensatz zu Shannon spricht meine Frau. Sehr viel sogar.
Shannon redet nicht viel. Sie schweigt meistens und genießt die Blicke, die sie auf sich zieht. Langes dunkelbraunes Haar fällt ihr gewellt über die schmalen Schultern. Sie ist vierunddreißig, hat einen herrlich gebräunten Teint, und nach eigenen Aussagen ist sie halb Italienerin, halb Deutsche und halb Brasilianerin.
An dieser Aussage erkennt man gleich, mit was für einer Geistesgröße man es zu tun hat, aber wen interessiert das schon? Mich nicht. Der Umstand, dass meine Frau sie nicht leiden kann, ist ebenso genüsslich wie belustigend. Jemand, der Shannon nicht richtig kennt, würde vielleicht behaupten, dass sie kühl, erhaben und introvertiert ist. In Wirklichkeit ist sie einfach nur dumm, und ich schätze, dass sie es auch irgendwie weiß. Deswegen sagt sie in Gesellschaft auch lieber ein bisschen weniger und gibt somit jedem das Gefühl, sie stehe intelligenztechnisch über den banalen Dingen des Alltags.
Mein kleiner Bruder Sebastian ist dagegen ein ziemlich schlaues Köpfchen. Hässlich wie die Nacht, aber schlau. Er arbeitet als Anwalt für Strafrecht in einer Kanzlei in Bremerhaven, wo – Vorsicht, Klischee – besagte Shannon seine Sekretärin war.
Mit seinen sechsunddreißig Jahren steht er fest mit beiden Beinen im Leben. Mamas Liebling sozusagen. Ein großes Haus, ebenfalls hier in Bad Bederkesa oder Beers, wie die Einheimischen sagen. Drei Autos besitzt er, und mindestens dreimal im Jahr geht es in den Urlaub: zum Beispiel Skifahren in der Schweiz, Strandurlaub auf den Seychellen und Safari in Südafrika. Ein Mann von Welt.
Wenn er nicht so unsagbar hässlich wäre.
Seine Maßanzüge machen einiges wett, da sie seine dürre Figur bedecken, sie können aber seinen viel zu großen Kopf mit Halbglatze und seine klapprige Statur nur bedingt in einem besseren Licht erscheinen lassen. Ein wenig hat er das Aussehen von Smeagol aus Herr der Ringe, wie ich finde.
»Jonas«, blökt es mir plötzlich entgegen, und ich schrecke aus meinen Gedanken hoch.
»Was ist, Liebes?«, frage ich.
»Schläfst du? Ich habe dich gefragt, ob du wusstest, dass dein Bruder zum Partner in der Kanzlei aufgestiegen ist?«
Natürlich weiß ich das, das hat er mich ja umgehend über WhatsApp wissen lassen. Ich bin jetzt Teilhaber, klasse, oder?, hatte er geschrieben, gefolgt von lustigen Emojis, die wohl signalisieren sollten, wie glücklich und stolz er war. Ich hatte ihm daraufhin einen digitalen Scheißhaufen mit Augen zurückgeschickt.
»Nein, Schatz. Das wusste ich nicht«, entgegne ich.
»Hhm.« Sie blickt mich mit zusammengekniffenen Augen an. »Wieso macht dich niemand zum Teilhaber? Andere steigen auf oder kriegen zumindest eine Gehaltserhöhung. Alle sind ehrgeizig und bestrebt, etwas zu errei-chen, nur du nicht.«
Das kommt wohl daher, dass ich nur ein niederer Postzusteller bin. Und die Oberen der Post werden bestimmt nicht auf mich zukommen und sagen: »Hallo Herr Richter. Wir saßen gerade in unserer halbjährlichen Aufsichtsratssitzung und dachten uns, dass Sie genau der Mann wären, um das Schiff wieder auf Kurs zu bringen. Wie wäre es mit einem Platz im Vorstand?«
Aber anstatt etwas in dieser Art zu sagen, blicke ich sie nur an. Wie hat sie sich nur verändert. Warum ist sie so zu mir? Hat sie nicht alles, was sie braucht? Von einem bestimmten Thema mal abgesehen.
Vor zwanzig Jahren war sie eine tolle, lebenslustige Frau, die mir das Gefühl gab, wichtig zu sein. Wichtig für sie. Wir unternahmen viel. Wir lachten. Liebten uns phänomenal. Ich hätte für sie getötet. Aber seit zehn Jahren geht es stetig bergab. Von Tag zu Tag wird sie unausstehlicher. Bösartiger. Ich frage mich, warum sie noch nicht gegangen ist, denn so, wie sie mit mir und vor anderen über mich redet, sollte man meinen, dass ich das niederste Wesen auf diesem Planeten bin.
Die wahrscheinlich noch wichtigere Frage lautet: Warum mache ich das mit? Weil ich Angst vorm Alleinsein habe? Weil ich gerne Konfrontationen vermeide? Oder weil ich, um es klar auf den Punkt zu bringen, ein Waschlappen bin? Es ist wohl die Kombination aus allem.
Ich starre wieder auf den Teller vor mir, als wäre dort, in der Tomatenso-ße, die Antwort auf alle Fragen.
Wenn ich so recht überlege, dann hat alles angefangen, als …
»JONAS!«, keift sie erneut und lässt mich zusammenzucken.
»WAS DENN?«, fahre ich sie an, und im selben Moment gerate ich ins Stocken. Ich bin verwundert über mich selbst. So reagiere ich nicht. So reagiere ich nie. Ich bin immer ruhig, zurückhaltend und erhebe nie die Stimme. Nicht ihr gegenüber. Nicht gegenüber meinen Mitmenschen. Das war noch nie meine Art.
Aber das blöde Gesicht, das sie jetzt macht, hat was. Sie sieht lustig aus, wenn sie sich wundert.
Erstaunt und mit offenem Mund schaut sie mich an, ihr fehlen für einen Moment die Worte. Ich nutze die Gelegenheit und renne aus dem Wohnzimmer, streife mir Schuhe über und richte meine Haare vor dem Flurspiegel. Es ist mir zu eng in diesem Haus. Zu bedrückend. Ich will für einen Moment diesem altbürgerlichen Mief entfliehen. Die immerwährende Spannung, die ewigen Vorwürfe und die Nichtbeachtung machen mich nervös. Es reicht. Ich habe es satt, immer nur der Fußabtreter für sie zu sein und nicht im Mindesten ernst genommen zu werden. Ohne ein weiteres Wort verlasse ich das Haus.
Als Erstes atme ich die frische Luft ein, schließe meine Augen und versuche meinen Puls zu beruhigen. Es klappt nicht, ich bin zu aufgewühlt. Ich gehe die Eingangstreppe hinunter und auf die Straße.
Auf dem Bürgersteig laufen mir meine Nachbarn über den Weg. Johannes und Rebecca. Händchenhaltend. Bibelfeste Religionsfanatiker. Immer ein religiöses Zitat auf den Lippen, das sie ihren Mitmenschen unaufgefordert mit auf den Weg geben. Übertrieben freundlich und immer nachsichtig. Die gehen mir schon auf den Keks, seit sie hier vor zwei Jahren zugezogen sind. Nicht dass mir die vorherigen Mieter, Familie Basch, sonderlich ans Herz gewachsen sind, im Gegenteil. Die waren zwar keine religiösen Spinner, aber hatten trotzdem beträchtlich einen an der Klatsche. Ich mag keine Menschen in meiner unmittelbaren Umgebung, die ständig fragen, wie es einem geht, was der Job macht und die vor der Tür stehen, wenn man eigentlich seine Ruhe haben will. Als die Vormieter schlussendlich auszogen – die Dame des Hauses tanzte gerne auf mehreren Hochzeiten, so dass es schließlich zur Trennung kam –, hoffte ich auf Ruhe. Ich wusste, dass die Miete im Nachbarhaus sehr hoch angesetzt war, und ging von einem lange Zeit unbewohnten Gebäude aus. Tja, aber wie das so mit Annahmen ist, vor allem mit meinen Annahmen, standen die Rodieks schon nach nur einem Monat auf der Matte und begrüßten uns mit dem mir so verhassten Satz: Wir sind die neuen Nachbarn.
Ich nicke ihnen zu, will schnell an ihnen vorbei, aber Johannes greift mir an die Schulter, und als er seinen Mund öffnet, wahrscheinlich um einen seiner Segnungsgrüße loszuwerden, komme ich ihm verärgert zuvor: »Verpisst euch, ihr Spinner. Ich will euren beknackten Scheiß nicht hören.«
Ich schüttele seine Hand ab und verharre eine Sekunde, sehe die beiden miriamgleich mit offenem Mund dastehen und beeile mich schließlich, mit großen Schritten und einem Lächeln im Gesicht Abstand zu gewinnen.

 

 

                                                   *

 

 

Die Sonne ist bereits im Begriff unterzugehen.
Zwei junge Mädchen gehen fröhlich und vergnügt den alten Postweg entlang. Unbeschwert. Vier Wochen Sommerferien wirken sich positiv auf die Gemütsverfassung von Kindern aus. Es sind Kimberly und Josie. Schwestern. Drei Jahre Altersunterschied zwischen den beiden. Geschwister und Todfein-dinnen auf Lebenszeit.
Momentan herrscht jedoch Waffenstillstand zwischen ihnen, denn sie hatten einen schönen Tag mit ihren Großeltern Rosie und Gerhard, die in der Gröpelinger Straße wohnen, etwa eine Viertelstunde Fußmarsch von ihrem Elternhaus entfernt. Sie besuchen sie beinahe täglich, da die Entfernung zu ihrem Heim gering ist und die Mädchen ihre Großeltern über alles lieben. Großvater Gerhard spielt mit ihnen, und Oma Rosie verwöhnt sie stets mit allerlei Schnökerkram.
Nach einem ausgiebigen Abendbrot schauten sich die vier noch gemeinsam einen Film an, bis sie sich schließlich voneinander verabschieden, da zweiundzwanzig Uhr stets die Zeit ist, zu der die beiden Schwestern nach Hause kommen sollten.
Kimberly ist momentan sehr schnell von dem kindlichen Gehabe ihrer kleinen Schwester genervt. Sie hat mit ihren fünfzehn Jahren kein Verständnis für die Albernheiten von Joselyn und gibt sich natürlich nur äußerst un-gern mit diesem unreifen, kleinen Monster ab, das laut, frech und störend ist. Wenn ein Junge aus meiner Klasse uns zusammen sehen würde, denkt Kimberly … Oh. Mein. Gott. Das wäre oberpeinlich.
Sie lassen das evangelische Bildungszentrum hinter sich und steuern auf den Fleckenhölzer Wald zu. Den müssen sie durchqueren, um zu ihrem Elternhaus zu kommen. Unzählige Male sind sie hier durchmarschiert, allein, mit Freunden oder mit der Familie. Sie kennen sich aus, fühlen sich sicher und würden den Weg im Schlaf finden.
Josie singt ein Lied vor sich hin. »… die hatten einen Streit. Wer wohl am besten sänge, wer wohl am besten …«
Im Alten Postweg kommt ihnen ein Mann von beachtlicher Größe entgegen. An seiner Seite läuft ein kleiner Welpe, ein Rhodesian Ridgeback.
»Oh, Herr Buck. Sie haben einen Hund?«, quietscht Joselyn aufgeregt schon von Weitem und läuft los. »Der ist ja süß.«
Kimberly verdreht nur die Augen und ruft: »Weiter, Josie! Wir sind eh schon spät dran.«
»Nur mal streicheln. Darf ich, Herr Buck? Darf ich?«
Herr Buck brummt etwas vor sich hin, was Josie als Einverständnis interpretiert, aber wohl eher Nein bedeuten sollte. Sie springt zu dem Hund und krault dessen Kopf. »Wie heißt er denn, Herr Buck?«
»Buko.«
Kimberly, bei den beiden angekommen, schaut ihn entgeistert an. »Buko? Wie der Frischkäse? Echt jetzt, Herr Buck?«
»Ja. Buko«, erwidert der ungerührt, während Josie den Namen bereits vor sich hinträllert und fantasievoll in Der Kuckuck und der Esel einfügt.
»Haben Sie sich den beim Frühstück ausgedacht, oder wie?«
Buck nickt langsam. »Ja.«
»Im Ernst jetzt? Oh. Mein. Gott. Warum dann nicht lieber Quäse? Oder Schinkenspicker? Oder vielleicht Lätta?«, fragt sie übertrieben gedehnt.
Buck scheint ernsthaft darüber nachzudenken. »Ich finde Buko besser«, sagt er knapp und zieht den Welpen an der Leine zu sich, um seinen Weg fortzusetzen.
Kimberly schüttelt den Kopf und verdreht wieder die Augen, wie nur pubertierende Mädchen es können.
»Tschüss, Buko«, ruft Josie den beiden hinterher.
»Komm schon, wir müssen nach Hause«, drängt Kimberly.
»Der war soooo süß«, schwärmt Josie. »Ich mag ihn. Und Herrn Buck mag ich auch.«
»Du magst jeden«, erwidert Kimberly spitz.
»Dich mag ich nicht, Kimmy«, sagt Josie. Schließlich trällert sie wieder los: »Der Buko und der Esel, die hatten einen Streit.«
»Du nervst«, mault die große Schwester. Scheinbar hat sich ihre gute Laune schlagartig verschlechtert, und das Kriegsbeil ist wieder ausgegraben. Das geht bei ihr in letzter Zeit ziemlich schnell, was sie selber natürlich auch schon bemerkt hat. Warum, das vermag sie nicht zu sagen. Ist halt so!
»DU nervst«, kontert Joselyn und fängt an, vor ihrer Schwester hin und her zu hüpfen. »Sonne wäre jetzt schön«, flötet sie vergnüglich und – wie so häufig – ohne jeden Zusammenhang.
Kimberly sagt nichts dazu. Irgendetwas beschäftigt sie plötzlich. Hat sie im Augenwinkel etwas wahrgenommen? Sie versucht neben sich etwas aus-zumachen, kann aber nichts entdecken.
Das Licht ist nur noch spärlich. Bäume und Sträucher, tagsüber noch klar umrissen, sind zur Nacht hin nur noch verschwommen. Geräusche dagegen
verstärken sich und scheinen aus jedem Winkel des Waldes hervorzukrie-chen.
Schwer für sie zu sagen, was sie gehört hat, denn das alberne Gesinge ihrer Schwester übertönt gerade so ziemlich alles, was in diesem Wald passiert.
Kimberly sieht auf ihr Smartphone: 22.30 Uhr durch. Sie fordert Josie auf, schneller zu gehen, was ihr wiederum eine ausgestreckte Zunge und den erhobenen Mittelfinger einbringt.
»Das erzähl ich Mama«, faucht Kimberly, will noch etwas hinzufügen, wundert sich aber über den Gesichtsausdruck ihrer kleinen Schwester.
Mit offenem Mund starrt Josie an ihr vorbei, auf etwas hinter ihr. Sie will sich gerade umdrehen, als etwas Hartes ihren Kopf trifft und sie zu Boden streckt. Benommen versucht sie zu erfassen, was passiert ist. Sie vernimmt einen kurzen Aufschrei. Josie.
Kimberly stöhnt auf, will sich aufrichten, drückt ihre Hände in den Wald-boden und will den Kopf heben, wird aber von einem heftigen Tritt zurück auf das weiche Erdreich befördert. Was geht hier vor?
Geräusche dringen an ihr Ohr. Dumpf, abgehackt. In ihr steigt Übelkeit hoch.
Dann springen ihre Gedanken zu Josie. Wo ist sie? Warum kann ich sie nicht hören? Mama und Papa würden es ihr niemals verzeihen, wenn dem Nesthäkchen etwas zustoßen würde. Ganz abgesehen davon, dass sie es sich selbst niemals verzeihen könnte. Nervige Göre hin oder her.
All diese Gedanken, straff gebündelt in einer einzigen Sekunde, geben ihr neue Kraft, sich aufzurappeln. Erneut stemmt sie ihre Hände in den Boden. Angestrengt hebt sie den Kopf. Ihr Blick klärt sich, und sie kann Dinge erkennen und einordnen.
Josie. Schräg vor ihr, etwas mehr als eine Armlänge entfernt, auf dem Bauch liegend, das Gesicht abgewandt. Doch sie rührt sich nicht. In ihren langen weizenfarbenen Haaren hat sich eine Menge Laub verfangen.
Panik überkommt Kimberly. Sie robbt auf ihre Schwester zu, wird aber jäh von etwas Schwerem zurück auf den Boden gedrückt.
Etwas Feuchtes spritzt ihr ins Gesicht, gelangt in ihre Augen und verbreitet einen fürchterlichen Schmerz, so dass sie aufschreien muss. Eine Hand packt plötzlich ihr Kinn, findet den Weg zu ihrem Mund und verschließt ihn.
Schmerz, Angst und Verzweiflung machen sich breit. Sie beginnt sich zu wehren. Sie strampelt, schlägt um sich, stößt sich ab und windet sich. Ein heftiges Brennen in ihrem Nacken lässt sie fast besinnungslos werden. Der Geruch von verbrannten Haaren steigt in ihre Nase. Widerlich und beißend.
Blind aufgrund der Schmerzen, taub aufgrund des Bemühens, sich um ihre Schwester zu kümmern, steigert sie sich in blanke Raserei. Nichts ist mehr geordnet. Die Welt, ihre Welt, besteht nur noch aus Chaos. Sie streckt sich, tritt aus und schlägt um sich. Sie bekommt etwas zu fassen, gräbt ihre Nägel hinein. Sie kreischt auf und ruft um Hilfe. Ruft nach Josie.
Aber es bewirkt scheinbar gar nichts.
Ihr Kopf wird auf etwas Hartes geworfen. Oder traf das Harte sie? Sie weiß es nicht. Raum, Zeit, Logik. Alles ungreifbare Dinge, ohne Substanz. Sie spürt nur ihren Körper. Den Schmerz. Die Ermüdung. Wieder Schmerz. Wiederholt trifft etwas ihren Kopf. Oder ihren Nacken? Kurz darauf ein Brennen in der Magenkuhle. Sie krümmt sich, bekommt keine Luft.
Kurze Pause.
Wird sie gezogen? Oder schwebt sie über dem Waldboden? Die Augen streiken noch immer. Hat sie sie überhaupt geöffnet? Erneut trifft etwas ihren Körper, nur kann sie nicht sagen, wo. Der Schmerz flammt kurz hintereinander auf. Überall. Beine. Oberkörper. Kopf. Unmöglich zu sagen, was mit ihr geschieht.
Schließlich gibt Kimberly auf. Sie ist müde. Alles tut ihr weh. Sie möchte, dass es aufhört, und lässt einfach los. Gleitet hinüber in den dunklen Bereich, der so herrlich verlockend Entspannung und Geborgenheit verspricht....

 

 

 

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Marco Monetha, Heidestr. 13, 27619 Bramel, Juli 2016